Docosahexaensäure (DHA) gezielt ins Gehirn

Warum die Darreichungsform entscheidend ist

Als Augenarzt mit Interesse an Neuroprotektion und Retinagesundheit ist DHA (Docosahexaensäure) ein zentrales Thema. DHA ist ein wesentlicher Baustein von Netzhaut und Gehirn und spielt eine Schlüsselrolle für Sehfunktion, Gedächtnis und neuronale Gesundheit. Viele Patienten nehmen bereits Fischöl oder Omega‑3‑Kapseln – die spannende Frage ist: Kommt die DHA damit überhaupt dort an, wo sie wirken soll?​

Eine aktuelle Studie an erwachsenen Mäusen zeigt: Nicht die Menge an DHA ist entscheidend, sondern die molekulare Verpackung. DHA als Lysophosphatidylcholin (LPC‑DHA) erreicht das Gehirn deutlich besser als freie DHA – mit messbaren Effekten auf Gedächtnisleistung.

DHA: Warum Gehirn und Netzhaut so abhängig sind

DHA ist die dominierende Omega‑3‑Fettsäure in:

der Photorezeptorschicht der Netzhaut

den Membranen von Nervenzellen im Gehirn, besonders im Hippocampus und in der GroĂźhirnrinde

Ein Mangel an DHA wird unter anderem mit Alzheimer, Parkinson, Depression und anderen neurodegenerativen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Das Gehirn kann DHA kaum selbst bilden und ist deshalb auf eine kontinuierliche Zufuhr über die Nahrung angewiesen.​

Das Problem klassischer Omega‑3‑Präparate

Die meisten gängigen Präparate (Fischöl, Krillöl, Algenöl, DHA‑Ethylester) liefern DHA als Triglyzerid oder freie Fettsäure. Im Darm wird diese DHA durch Enzyme zunächst freigesetzt und dann vor allem in Triglyzerid-Form resorbiert.​

Das zentrale Problem: Am Blut‑Hirn‑Schranken‑Transporter (Mfsd2a) kommt diese Form nur schlecht an. Dieser Transporter bevorzugt LPC‑DHA, also DHA, das an ein Lysophosphatidylcholin-Molekül gebunden ist.​

Die Folge aus der Studie:

  • Freie DHA erhöhte vor allem den DHA‑Gehalt in Fettgewebe und Herz, nicht im Gehirn.​

  • Das Gehirn blieb unter freier DHA praktisch „unterversorgt“, obwohl der restliche Körper gut versorgt war.​

Die Studie: DHA als LPC verändert das Gehirn – nicht nur die Blutwerte

In der untersuchten Arbeit erhielten normale erwachsene Mäuse 30 Tage lang täglich die gleiche Menge DHA – entweder als freie DHA oder als LPC‑DHA (zwei verschiedene Isomere). Alle Tiere bekamen ansonsten Standardfutter.​

Wichtige Ergebnisse:

  • Gehirn-DHA: Unter LPC‑DHA stieg der DHA‑Gehalt im Gehirn (verschiedene Hirnregionen) um mehr als das Doppelte.​

  • Unter freier DHA änderte sich der DHA‑Gehalt im Gehirn praktisch nicht, obwohl das Präparat aufgenommen wurde.​

  • In Herz und Fettgewebe nahm DHA vor allem unter freier DHA zu, nicht unter LPC‑DHA – die Verteilung im Körper war also grundlegend verschieden.​

Für die Praxis bedeutet das: Es reicht nicht, „irgendein“ Omega‑3 zuzuführen – die richtige Transportform bestimmt, ob DHA tatsächlich im Gehirn (und analog in der Retina) ankommt.

Bessere Gedächtnisleistung durch LPC‑DHA

Die Forscher prüften, ob der erhöhte Gehirn-DHA-Spiegel auch funktionelle Konsequenzen hat. Dazu verwendeten sie den etablierten Morris-Wasserlabyrinth-Test zur Beurteilung von räumlichem Lernen und Gedächtnis.​

Ergebnisse:

  • Alle Gruppen lernten den Ort der versteckten Plattform – es gab zunächst keine Unterschiede.​

  • In der GedächtnisprĂĽfung („Probe Trial“) waren die Unterschiede deutlich:

    • LPC‑DHA‑Mäuse fanden die frĂĽhere Plattformposition etwa siebenmal schneller als Kontroll- und freie‑DHA‑Tiere.​

    • Sie verbrachten etwa doppelt so viel Zeit im Zielquadranten.​

  • Freie DHA brachte im gleichen Dosierungsbereich keinen messbaren Vorteil gegenĂĽber der Kontrollgruppe.​

Zusätzlich wurden die Spiegel des „Gehirn-Wachstumsfaktors“ BDNF (Brain Derived Neurotrophic Factor) gemessen:

  • BDNF stieg in mehreren Hirnregionen nur in den LPC‑DHA‑Gruppen, nicht unter freier DHA.​

  • BDNF ist wichtig fĂĽr Synapsenbildung, Lernprozesse und neuronale Plastizität.​

Damit lässt sich der Gedächtnisvorteil biochemisch plausibel erklären.

Relevanz fĂĽr Augen- und Gehirngesundheit

Aus augenärztlicher Sicht ist diese Arbeit besonders interessant, weil:

  • Retina und Gehirn eine gemeinsame DHA‑Abhängigkeit haben.

  • Der gleiche Transporter (Mfsd2a), der LPC‑DHA ins Gehirn bringt, auch fĂĽr die Versorgung der Netzhaut von Bedeutung ist.​

Mögliche Konsequenzen für Patienten:

  • Die Form der DHA könnte kĂĽnftig wichtiger werden als die bloĂźe Dosis.

  • Präparate mit DHA in phospholipidgebundener Form (insbesondere LPC‑gebunden) könnten fĂĽr neuronale und möglicherweise auch retinale Effekte geeigneter sein als klassische Triglyzerid‑ oder Ethylester‑Formen.​

  • FĂĽr Erkrankungen mit mutmaĂźlichem DHA‑Mangel im Gehirn (z.B. Alzheimer) oder an der Netzhaut (z.B. altersbedingte Makuladegeneration) könnten solche zielgerichteten Formen eine interessante Ergänzung zukĂĽnftiger Therapiekonzepte darstellen.​

Was sich daraus (noch nicht) ableiten lässt

Wichtig ist die Einordnung:

  • Die Studie wurde an Mäusen durchgefĂĽhrt. Ob sich diese Effekte 1:1 auf den Menschen ĂĽbertragen lassen, ist offen und muss in klinischen Studien geprĂĽft werden.​

  • Die Tiere waren nicht DHA-defizient und nicht krank; die Verbesserungen traten bei gesunden erwachsenen Mäusen auf.​

  • Es wurden definierte, relativ niedrige Dosen ĂĽber 30 Tage gegeben; sehr hohe DHA-Dosen aus anderen Studien waren hier nicht nötig.​

FĂĽr Patienten heiĂźt das:

  • Die Arbeit zeigt ein Prinzip: Zielgerichtete DHA-Formen können das Gehirn deutlich effektiver erreichen als klassische Präparate.

  • Sie ersetzt keine medizinische Beratung und liefert noch keine direkte Handlungsempfehlung fĂĽr konkrete Produkte oder Dosierungen beim Menschen.

Dr. SchĂĽttes Fazit

DHA bleibt ein zentraler Baustein für die Gesundheit von Netzhaut und Gehirn. Die hier besprochene Studie macht deutlich, dass die Zukunft der Omega‑3‑Therapie wahrscheinlich nicht nur in „mehr DHA“, sondern in besser platziertem DHA liegt.​

Die Einnahme von DHA in einer Form, die als Lysophosphatidylcholin (LPC‑DHA) vorliegt oder im Körper leicht in LPC‑DHA überführt werden kann, könnte langfristig einen besseren Effekt auf Gehirn- (und vermutlich auch Retina‑)Funktion haben als herkömmliche Fischöl‑ oder Ethylester‑Kapseln. Ob und wie sich diese Erkenntnisse beim Menschen nutzen lassen, werden zukünftige Studien zeigen.

Sugasini, D., Thomas, R., Yalagala, P. C. R., Tai, L. M., & Subbaiah, P. V. (2017). Dietary docosahexaenoic acid (DHA) as lysophosphatidylcholine, but not as free acid, enriches brain DHA and improves memory in adult mice. Scientific Reports, 7, 11263. https://doi.org/10.1038/s41598-017-11766-0